Mit dieser Frage befinden wir uns nicht nur im Zentrum der
Philosophie, sondern auch in der täglich erlebten Wirklichkeit. Wer
Verantwortung für Prozesse und Ergebnisse trägt, kommt um die Frage nach
Wahrheit nicht herum. Und er wird vielleicht erfahren, dass Wahrheit
letztlich im Diskurs entsteht.
Marcus Schorn, ist Gründer und
Entwicklungsvorstand des Softwareunternehmens Plato AG, Lübeck. Er
studierte Informatik an der Universität Hamburg mit Schwerpunkt
künstliche Intelligenz. Ferner bildete er sich weiter als Coach und
Psychotherapeut und gestaltet seit über zehn Jahren industrielle
Arbeitskreise zum Thema Organisationsentwicklung. Hierbei bewegen sich
die Diskussionen in den Spannungsfeldern: Strategie und Qualität,
Philosophie und Werte, Technologie und Mensch.
Der Philosoph Odo Marquart hat das Problem mit der Wahrheit in
den 70er-Jahren als "Inkompetenzkompensationskompetenz" bezeichnet und
damit das Ende der Philosophie proklamiert. Diese habe alle Kompetenz an
die Spezialdisziplinen verloren und könne selber bestenfalls noch
Rhetorik liefern.
So radikal sieht man das heute nicht mehr, denn gerade die
Naturwissenschaften erkennen mehr und mehr, dass sich Wirklichkeit nicht
als eine singuläre, alleingültige Wahrheit beschreiben lässt.
Vermutlich hat jeder Mensch die Frage "Was ist Wahrheit?" in irgendeiner
Form für sich selbst beantwortet. Viel pragmatischer ist daher die
Frage "Wie finde ich einen Weg durch den Dschungel der unterschiedlichen
Wahrheiten?". Wer Entscheidungen fällt, muss hier einen Pfad für sich
finden. Einfacher und der Disziplin des Qualitätsmanagements
angemessener erscheint die Frage "Welcher Information kann ich
vertrauen?".
Eine Antwort, die Platon schon vor über 2 000 Jahren gegeben hat,
lautet: "Gestalte den Dialog!" Er hat den Dialog auch als literarische
Form für die Darstellung seiner Philosophie gewählt und damit
gleichzeitig eine der ersten Qualitätsmethoden entwickelt: "Wahrheit
findet sich am besten, wenn wir im Dialog mit unterschiedlichen Aspekten
und Meinungen stehen."
Ist Wahrheit die Erfindung eines Lügners?
Heinz von Förster – Physiker, Kybernetiker und Philosoph – wendet
sich radikal vom Wahrheitsbegriff ab [1]. Er ist ein vehementer
Vertreter des Konstruktivismus. Wahrheit ist demnach nicht das Ergebnis
eines Abbilds im Sinne eines Entdeckens der objektiv vorliegenden
Wirklichkeit, sondern das Ergebnis eines Erfindens der Wirklichkeit.
Von Försters Sichtweise kann vereinfacht so zusammengefasst
werden: Wahrheit gibt es nicht, denn die Wirklichkeit ist ein Konstrukt
aus vielen unterschiedlichen Sichten, Meinungen, Gewohnheiten und
kulturellen sowie genetischen Dispositionen. Im weitesten Sinne ist
Wirklichkeit das Werk eines tief in uns eingebauten
Wirklichkeits-Schaffungs-Algorithmus. Aus dieser Perspektive entlarvt
von Förster das Proklamieren einer einzigen Wahrheit als ein
fadenscheiniges Mittel, andere zu Lügnern zu stempeln. So lassen sich
eigene Interessen leichter durchsetzen.
In der Tat hat sich der Wunsch nach der Verfügbarkeit einer
einzigen Wahrheit häufig als verhängnisvoll erwiesen. Diese Lektion
lehren zahlreiche Fälle, wo aus einer vermeintlichen Sicherheit heraus
wichtige Veränderungen nicht erkannt wurden. Aus diesem Grund entwickeln
erfolgreiche Unternehmen Verfahren für sich, die ohne eine singuläre
Wahrheit auskommen können.
Wie entsteht Wahrheit oder Wirklichkeit?
Die präzisere Frage nach der Wirklichkeit lautet daher: Welche
Prozesse sorgen dafür, dass wir das Gefühl haben, etwas sei wirklich
oder entspreche der Wirklichkeit? Interessant ist dabei auch die Frage,
wie das Bild entsteht, das wir für die Wirklichkeit halten.
Ingenieure können häufig mit der hier vorgestellten Sicht der
Dinge wenig anfangen. Ihre natürliche Herangehensweise ist geprägt durch
den festen Glauben daran, dass Wirklichkeit objektiv vorliegt und wir
sie schlicht zu entdecken haben. Dieser Glaube kann die Sicht auf die
Welt stark einschränken, und nur die Besten können sich von diesen
Gedankenfesseln lösen. Die herausragenden Vertreter der Ingenieurszunft
sind dann zu Innovationen fähig und beurteilen die Wirklichkeit –
vielleicht eher unbewusst – aus einer an den Konstruktivismus
angelehnten Perspektive.
Ein wesentlicher Bestandteil von Innovation und Voraussetzung für
Erfolg ist auch hier: Wir müssen dauernd überprüfen, ob unsere
Wirklichkeitskonstruktion eine ausreichende Anschlussfähigkeit und
Zieldienlichkeit in Bezug auf andere enthält. Da, wo das nicht
stattfindet, ist der Innovator entweder nicht in der Lage,
wirtschaftlichen Nutzen aus seiner Erfindung zu ziehen, oder er geht zu
radikal vor und wird dann womöglich dauerhaft als "Spinner" betrachtet –
und andere machen das Geschäft.
Was ist ein Diskurs-Unternehmen?
Mit diesen Feststellungen sind wir schließlich im
Qualitätsmanagement angelangt. Hier hat sich der Konstruktivismus in den
letzten Jahren zu einer anerkannten Sichtweise gemausert. Management
bedeutet demnach nicht mehr, die Wirklichkeit "richtig" zu sehen und
daraus die "richtigen" Schlüsse zu ziehen. Unternehmerische Wirklichkeit
entsteht wesentlich im Diskurs – innerhalb des Unternehmens und
gemeinsam mit seinen Stakeholdern. Eine Sichtweise, die sich auch im
Entwurf der neuen ISO 9001:2015 wiederfindet.
Führungsaufgabe ist es also, diesen Diskurs anzuregen, ihn
aufzunehmen, zu steuern, auszuwerten, in Gang zu halten und ihm Gestalt,
Raum und einen Rahmen zu geben. Die einfachste Formel für Qualität
lautet somit:
PQ := DQ‘
(Produkt-Qualität ist eine direkte Ableitung der Diskurs-Qualität eines Unternehmens.)
Warum soll das so sein? Auf den Punkt gebracht: weil Qualität –
wie auch Wahrheit – stark von subjektiver Wahrnehmung abhängig ist. Noch
einfacher gesagt: Qualität ist das, was der Kunde als Qualität
empfindet. Erst die Qualität des Diskurses, mit dem ein Unternehmen mit
seiner Innen- und Umwelt und den Empfindungen der Stakeholder in Kontakt
steht, führt auch zu herausragender Produktqualität.
Warum scheitern einfache Wahrheiten?
Eine Antwort auf diese Frage mag ein prominentes Beispiel
liefern: die Einführung des iPhones und die Reaktion des damaligen
Marktführers für Mobiltelefone. Das komplett neue Bedienkonzept des
ersten "Smartphones" war ein gewagter Sprung aus der damals
vorherrschenden Wirklichkeitskonstruktion. Eine Zeitreise in das Jahr
2007 führt uns die damalige Einschätzung Nokias vor Augen. In einem
Interview zur damals revolutionären Entwicklung stellt der
Firmensprecher von Nokia selbstsicher fest [2]: "Wir haben also ein Jahr
Vorsprung [vor dem iPhone]!"
Als dieses Gerät 2007 auf den Markt kommt, ist es tatsächlich
alles andere als technisch perfekt. Auf diese unvollkommenen technischen
Details bezogen hatte der Firmensprecher Recht (und Apple brauchte für
die technische Vervollkommnung des iPhones teilweise mehr als ein Jahr).
Auf die innovative Benutzerführung angesprochen, antwortet er dann:
"Nach der Ankündigung des iPhones werden unsere Ingenieure und Designer
noch härter daran arbeiten, neue und bessere Geräte zu entwickeln." Dann
spult der Firmensprecher ein eindrucksvolles Zahlenwerk ab, das belegen
soll, wie unanfechtbar Nokias Marktstellung ist.
Dieses Beispiel zeigt, dass Nokias Wirklichkeit mit Zahlen
beschrieben wird. Das Unternehmen lebte in einer wohl eingeübten,
statistischen Exaktheit, die offenbar von einer starken
Zahlengläubigkeit geprägt war. Inzwischen ist Nokia bzw. dessen
Marktführerschaft Geschichte. Vermutlich auch deshalb, weil es eine
Vorstellung von Wirklichkeit hatte, die Sprünge nicht zuließ.
Produktqualität wurde als messbare Quantität in ein begrenztes Spektrum
von realen Möglichkeiten gepresst. Dieses war zwar gut beherrschbar,
konnte aber der neuen Qualität des Apple-Produkts nicht gerecht werden.
Wie ist Ihr Verständnis von Wahrheit? Diskutieren Sie mit uns! Wir freuen uns auf Ihre Kommentare.
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